MARINA. Kurzfilm

Marina lässt ihre eigene Familie in Rumänien zurück, um im Ausland Geld zu verdienen – um sich hier in deutschen Haushalten um alte Menschen zu kümmern. 

Der Film erzählt von der 40jährige Marina, gespielt von der deutschsprachigen rumänischen Schauspielerin Gina Călinoiu, die in Deutschland zum wiederholten Male als Pflegekraft in einem deutschen Privathaushalt, 24 Stunden-7 Tage- pro Woche arbeitet. Der Mann, den sie die letzten Monate gepflegt hat, ist in der letzten Nacht verstorben, nun sitzt sie auf dem Sofa im Wohnzimmer und wartet auf die Ankunft der Angehörigen zur Schlüsselübergabe. Dort sitzend erzählt sie in einem Monolog von ihrer Tätigkeit, Motivation und einzelnen Erfahrungen. Die Wohnung des Verstorbenen wird als hermetischer Schauplatz des Arbeits- und Lebensalltags während des gesamten Films nicht verlassen. Der Film verhandelt das Thema monoperspektivisch, einzig aus der Perspektive der Pflegerin und zwingt den Betrachter so in die Auseinandersetzung mit der eigenen Position als potentiellem Arbeitgeber oder zu Pflegendem.

Die Fotos, die während der Dreharbeiten entstanden sind, hat Lea Dietrich erstellt. Wir konnten über zwei Wochen in einem vollständig-eingerichteten Einfamilienhaus am Rande von Göttingen drehen.

 

Beim 61. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm gewinnt MARINA die GOLDENE TAUBE für den Besten deutschen kurzen Dokumentarfilm und den HEALTHY WORKPLACES FILM AWARD der EU.

Jurybegründung:
Ich bin gerne bei den Menschen, bis zum Schluss,“ sagt sie. Das offene Gesicht von Marina spiegelt wider, was sie erlebt in ihrem anstrengenden Alltag als Pflegekraft. Die Zuneigung derer, denen sie das Essen bereitet, die Betten macht, die sie wäscht, anzieht, für die sie putzt und einkaufen geht. Die Überheblichkeit derer, die nicht selbst für ihre Eltern sorgen und meinen, mit dem geringen Lohn auch gleich den ganzen Menschen zu kaufen, der in der 24-Stunden-Rundumpflege einen Großteil des Jobs tut, den sie niemals machen würden – schon gar nicht für das Geld. Marina verzichtet auf ihr eigenes Leben mit ihrer Tochter, auf ein Daheim, das sie nur alle vier Wochen sieht, auf einen Job, der ihrer höheren Ausbildung entspräche. Julia Roesler baut um die Erzählungen dieser einen und in ihr gespiegelt ganz vieler Marinas durch die präzise Reflexion aller Nöte, die sich aus dem modernen Sklavinnenhandel mit den Pflegearbeitskräften aus dem Osten ergeben, einen Film voller genau gesetzter Worte und Bilder, die uns behutsam heranführen an das, was Teil unserer Welt ist – und viel zu wenig beachtet wird.

MARINA wird beim Filmfestival Wendlandshorts Filmfestival ausgezeichnet und gewinnt den "Goldenen Zollstock für die beste künstlerische Einzelleistung".

Jurybegründung:
Der Dokumentarfilm öffnet den Blick auf große Zusammenhänge, aber auch neue stilistische Wege. Insofern geht unsere Auszeichnung für eine besondere Einzelleistung an den Mut zweier Autorinnen, Grenzen zu überschreiten: zwischen Theater und Film, Dokumentation und Fiktion, Protagonisten einerseits und einem ganzen Chor von Stimmen andererseits. Mit „Marina“ haben Julia Roesler und Silke Merzhäuser gezeigt, wie gerade in der radikalen Reduktion die ganze Welt ins Kino kommen kann. „Marina“ spricht von so vielem: Leben und Tod, Freude und Ekel, Ausbeutung und Humanität. Der Bogen von den banalen Körperausscheidungen bis zur Globalisierung als System ist atemberaubend, die Reise ebenso emotional wie politisch, und sie verdankt sich genau dieser hybriden Mischform, die wir hiermit auszeichnen. Wir wünschen den Autorinnen den Mut, diesen Weg konsequent weiter zu gehen.

Premiere:
31.Oktober 2018
DOK.Leipzig

Mit Gina Calinoiu, Gerd Peiser, Lara Guzman Zevallos

Regie Julia Roesler

Drehbuch Silke Merzhäuser/ Julia Roesler

Musik Insa Rudolph

Kamera/ Schnitt  Isabel Robson

Ausstattung Lea Dietrich

Sounddesign Ansgar Frerich

Colour Grading Basis Berlin

Mastering Sönke Westphal

Dramaturgie  Silke Merzhäuser

Produktion werkgruppe2

 

 

 

gefördert durch

27:47 min; Oktober 2018

in englisch/deutscher Sprache
mit deutschen/ englischen Untertiteln

Prädikat besonders wertvoll der Deutschen Film- und Medienbewertung

 

FESTIVALS:

Dok Leipzig. Internationales Festivals für Animations- und Dokumentarfilm, Nationaler Wettbewerb Oktober 2018, Weltpremiere

Filmfest Dresden. Internationales Kurzfilmfestival, Sonderprogramm: Expanded. Hybride Transzendenzen April 2019

Busan Internationales Short Film Festival, International Competition, April 2019, International Premiere

VI. Festival de Finos Filmes, São Paulo, Mai 2019

13. Wendland Shorts, Kurzfilmfestival, Salderatzen, Juni 2019

Seoul International Film Festival, International Competition, Sept. 2019

Best of International Shorts Films Festival, La Ciotat, Okt 2019

Unabhängiges Filmfest Osnabrück, Programm Focus on Europe, Okt 2019

Braunschweig International Film Festival, Programm Mittellange Filme, Nov 2019

 

 

AWARDS

Goldene Taube, DOK Leipzig, 2018

Healthy Workplaces Film Award für den besten Dokumentarfilm zum Thema Arbeit, EU-OSHA, DOK Leipzig, 2018

Goldener Zollstock für die beste künstlerische Einzelleistung, Wendland Shorts 2019